Über den vermutlichen Verlauf läßt sich immer nur bei genauer Kenntnis des einzelnen Falles etwas aussagen. Dabei spielen folgende Faktoren eine Rolle:
- Ausmaß der Verbesserung, die sich bereits in der Frühphase (in den Tagen sind Wochen nach dem Ereignis) gezeigt haben.
- Art und Schwere der Aphasie,
- Art und Schwere zusätzlicher Beeinträchtigungen von Hirnleistungen (z.B. Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstörungen, Antriebsstörungen),
- Krankheitswahrung (Erkennen des Ausmaßes der Erkrankung),
- Ansätze und spontane Versuche des Patienten, dir vorhandenen Störungen auszugleichen und zu verbessern,
- Therapiemotivtion.
Viele Patienten mit anfänglich eher leichten Ausfällen können mit einem günstigeren Verlauf rechnen. Andere Patienten, vor allem jene mit einem langsamen und schweren Verlauf, müssen sich auf eine bleibende Sprachbehinderung einstellen. Dabei kann es noch über einen langen Zeitraum hinweg zu kleinen Verbesserungen kommen.
Die Krankheitverarbeitung verläuft in mehren Phasen.
In der Frühphase steht die Krankheitswahrnehmung im Vordergrund. In dieser Phase gehen die meisten Patienten davon aus, daß sich ihre Beeinträchtigungen wieder vollständig zurückbilden werden. Einige Betroffene mit einer schwerer Sprachstörung bemerken ihre Defizite zunächst gar nicht, sondern nehmen nur vage wahr, daß etwas anders ist als früher. Das kann so weit gehen, daß sie ärgerlich reagieren, wenn sie ihre Umgebung nicht verstehen und von den anderen nicht verstanden werden. Andere sind sich ihrer Sprachstörung von Anfang an bewußt, bemerken ihre Fehler häufig und leiden sehr darunter.
Nach anfänglich Verbesserungen beginnen viele Patienten zu realisieren, daß sie sich eventuell auf ein Leben mit der Behinderung einstellen müssen. Viele wehren sich zunächst sehr gegen diese Vorstellung und klammern sich in die Hoffnung auf eine vollständige Heilung. Andere reagieren depressiv, ziehen sich zurück und haben das Gefühl, nur noch allen zur Last zu fallen. Auch die Angst vor einer Verschlimmerung, etwa durch einen erneut Schlaganfall, kann belastend sein. In dieser schwierigen Phase haben viele frühere Lebenideale und -pläne ihre Gültigkeit verloren, neue sind noch nicht gefunden. Auch stehen meistens sehr konkrete Fragen der Lebensplanung an wie zum Beispiel die Frage nach Beruf oder Rente und die eventuell damit verbunden finanziellen Probleme.
In einer späteren Phase kann es den Betroffenen gelingen, auch mit einer bleibenen Behinderung umzugehen. Dann werden neue Interessen Aktivitäten entdeckt, die trotz einer Sprachbehinderung möglich sind. Eine solche Neuorientierung kann viel Monate bis Jahre beanspruchen.
Wieviel Zeit und welche Hilfen ein Mensch benötigt, um mit einer solchen Lebenskrise fertig zu werden, ist individuell sehr verschieden. Außerhalb der Familie können Aphasiker-Selbsthilfegruppen bei diesem Prozeß eine große Hilfe sein. Manchmal kann auch eine psychologische Beratung, eventuell gemeinsam mit dem Lebenspartner, von Nutzen sein.
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